Halbzeit

Vor ca. einer Woche war Halbzeit – heißt: ich bin jetzt schon 3 Monate hier und exakt heute in 3 Monaten lande ich in Deutschland… 😉

Aber nun zu meinen Erlebnissen der letzten Wochen.

Erstmal zur Schule. Das Schuljahr in Ghana ist in 3 Terms aufgeteilt und am Ende jedes Terms werden Examen geschrieben. Der erste Term endet vor Weihnachten, so war letzte Woche Examen schreiben angesagt. Vor 5 Wochen wurde mir gesagt, ich habe ein ’exam’ zu erstellen, das ich dann von Hand geschrieben abgeben müsse, damit sie es zum ’typer’ geben können, dann käme es zu mir zurück zum Korrektur lesen und dann würde es von meinen Schülern geschrieben. Die Realität sah dann so aus, dass der ’typer’ erstmal 3 Wochen brauchte um die 30 Fragen zu tippen, ich sie mit sehr vielen Fehlern zum Korrekturlesen bekam, zurückgab und sie nicht mehr gesehen habe bis meine Schüler das Examen schreiben mussten.

So waren dann im Endeffekt immer noch Fehler auf dem Aufgabenblatt des Examens zu finden, doch mittlerweile war es schon für alle kopiert… 😉

Dienstag und Donnerstag letzte Woche verbrachte ich dann mit dem Korrigieren der 120 Examen meiner 7. Klassen. Glücklicherweise sind die Ergebnisse nicht so schlecht, wie ich erwartet habe… Das liegt aber wohl vor allem daran, dass das Niveau sehr niedrig war… Nächste Woche muss ich meinen Schülern dann noch Zeugnisnoten (oder so was ähnliches) ausstellen, die sich aus dem Examen und den ’exercises’ ergeben. Nächsten Donnerstag, den 13. Dezember beginnen dann hier die Ferien.

Der 23. November war mal wieder ein ’socialisation Friday’. So nahm mich die Headmistress zu einer Veranstaltung mit, bei der alle Schulen des Bezirks vertreten waren. Jede Schule wurde von 10-20 Schülern repräsentiert, die eine Region Ghanas darstellten. Es war sehr interessant die verschiedenen Traditionen und Tänze der einzelnen Regionen zu sehen. So bekam ich noch einmal einen ganz anderen Einblick in die Kultur des Landes.

Während der Zeit der Examen nahm ich mir dann zum ersten Mal seit ich hier bin 3 Tage frei von der Schule um endlich einmal in die Hauptstadt von Ghana, Accra, fahren zu können.

Am 28. November geht es also los auf meine erste „Reise“. Eigentlich möchte ich um 5 Uhr aufstehen, damit ich um 6 loskomme. Aber typisch ghanaisch (oder doch typisch Anja ;-)…) stehe ich erst um 5.30 Uhr auf und los geht’s dann um 6.45 Uhr. An der Trotro-Station in Tanoso treffe ich dann noch auf drei meiner Schüler: „Oh, Madam, you are travelling!“. Nicht ganz so geschickt, denn am Tag zuvor habe ich noch einen Schüler zurechtgewiesen, dass er bei den Examen da zu sein habe, da er mir erzählte, er verreise während den Examen um seine Mutter zu besuchen. Mit dem Trotro geht’s dann zur Busstation, wo die MMT-Busse nach Accra abfahren. Dort komme ich um 7.30 an und warte eine Stunde bis der Bus dann losfährt. Nach 5 Stunden Fahrt erreiche ich Accra, besser gesagt Achimota, einen Stadtteil Accras. Dort holt mich Anna-Lena ab und gemeinsam geht’s nach Pillar 2, wo sie wohnt. Anna-Lena ist auch als Freiwillige in Ghana und arbeitet im Chosen Rehab Center, einem Zentrum für Suchtkranke. Untergebracht ist sie in einer Gastfamilie, zusammen mit Leonie, einer zweiten Freiwilligen. Die folgenden 5 Tage wohne ich also bei den beiden.

Am Donnerstagmorgen wird erstmal ausgiebig europäisch gefrühstückt – richtig lecker mit Pfannkuchen, „Nutella“ (= Choco Delight), Marmelade, Brot und Kaba. Dann gehen wir los. Zuerst geht’s zur TrashyBagFactory. Dort werden Taschen, Geldbeutel, Mäppchen, Kulturbeutel,… aus alten Plastikverpackungen hergestellt. So z.B. aus Trinkwasser-Tüten, LKW-Planen, Eisverpackungen,… So entsteht hier aus Müll (und davon hat Ghana mehr als genug) wiederum etwas Schönes, das man wieder verwenden kann.

Danach geht’s für uns weiter zum Makola Market. Hier gibt es Stoffe ohne Ende, Gemüse, Kleidung, Schuhe,… Von der riesigen Auswahl sind wir so überrumpelt, dass wir es heute einmal beim Umschauen belassen.

Direkt an den Markt angrenzend befindet sich die Makola Shopping Mall – die afrikanische Variante eines Shoppingcenters – mit einer großen Auswahl an Stoffen, 2nd-Hand-Kleidung,…

Dann geht es zu Fuß weiter zum Arts Market. Dort gibt es alles, was das Touri-Herz höher schlagen lässt 😉 – Souvenirs von A-Z, afrikanischen Schmuck, traditionelle afrikanische Kunst,… Etwas überrascht bin ich, dass wir so gut wie die einzigen Weißen (und so gut wie die einzigen Besucher überhaupt) auf dem Markt sind, weshalb uns jeder der Verkäufer in seinem Stand haben möchte und dann versucht den doppelten Preis zu verlangen. Das ist am Anfang relativ nervig, doch nach einiger Zeit haben wir uns daran gewöhnt und handeln was das Zeug hält. Jetzt macht es richtig Spaß und wir erstehen einige schöne Sachen ;-). Kurz vor der Dämmerung geht es dann mit 3 verschiedenen Trotros von einer Station über eine andere quer durch Accra völlig erledigt aber glücklich nach Hause. Der Tag war richtig schön und erlebnisreich!

Am Freitag gehe ich dann mit Anna-Lena in ihr Projekt. Normalerweise gehen sie montags, mittwochs und freitags ins Ghetto um „Werbung“ für’s Chosen Rehab Center zu machen, doch diese Woche gehen sie täglich in die Kirche zum ’prayer meeting’. Im Chosen Rehab werden die Menschen allein durch den Glauben von ihrer Sucht geheilt, das finde ich sehr faszinierend.

Also gehe ich heute mit ihnen zum ’prayer meeting’, das in einer riesigen Kirche stattfindet, die leider so gut klimatisiert ist, dass ich trotz mitgebrachtem Pulli fast erfriere. Nach 3 Stunden Kälte (ein Ende ist noch nicht in Sicht) halte ich es dann nicht mehr aus und gehe nach draußen, wo Anna-Lena und 2 Männer des Chosen Rehab Armbänder, Blumentöpfe und andere selbsthergestellten Dinge versuchen zu verkaufen.

Nachdem das ’prayer meeting’ dann nach 5 Stunden zu Ende ist, wird erst einmal gegessen und danach beginnt die Arbeit für die Mitglieder des Chosen Rehab. Es werden Tische und Stühle geschleppt, geputzt, aufgeräumt und zwischendurch ziemlich viel Pause eingelegt oder einfach mal eine Weile den 2 Obrunis beim Arbeiten zugeschaut 😉 – so ist die Arbeitsmoral hier eben.

Alles in allem gefällt mir der Tag aber richtig gut. Die erwarteten blöden Sprüche und dummen Kommentare blieben aus und auch sonst bin ich positiv überrascht, dass alle so „normal“ sind, gar nicht so wie man sich Suchtkranke vorstellt. Außerdem treffe ich hier auf den ersten Ghanaer, der Ironie versteht :D.

Um 15 Uhr gehen wir dann weiter zur Accra Mall. Dort angekommen bin ich zuerst einmal völlig überrumpelt, denn hier steht doch tatsächlich ein richtiges europäisches Einkaufszentrum (wenn auch kleiner) mitten in Ghana… Es gibt Klamottenläden mit festen Preisen, einen Supermarkt, einen McDonalds- und Pizza-Hut-Verschnitt,… Mir gefällt es hier aber überhaupt nicht, da so ein Einkaufszentrum für mich einfach nicht nach Afrika gehört ;-).

Wir beschränken uns dann auf’s Pommes essen und den Supermarkt, wo wir uns noch ein Eis (made in Ghana) kaufen.

Als wir die Accra Mall verlassen bin ich froh, wieder im „richtigen“ Ghana zu sein und so schnell werde ich hier nicht mehr herkommen ;-).

Am Samstag machen wir dann den ersten Ausflug zu dritt (Anna-Lena, Leonie und ich), da Leonie an einer Schule arbeitet und so die letzten zwei Tage nicht mitkonnte. Gemeinsam geht’s zu einer Beads-Factory. Beads sind aus Altglas hergestellte Perlen. Zuerst wird das Glas zermalmt, dann mit Kleber gemischt in Formen gefüllt, im Ofen gebrannt, danach mit Mustern bemalt und nochmals gebrannt – alles pure Handarbeit.

Geplant haben wir am Sonntag an den Strand zu fahren, doch da es morgens bewölkt und nicht so warm wie sonst ist, sind wir uns nicht sicher, ob wir gehen sollen. Um 10 Uhr sind die Wolken dann aber verschwunden und wir gehen los. Mit dem Trotro geht’s nach Kokrobitey, wo wir dann um 12 Uhr ankommen. Der Strand ist sehr beliebt bei Volunteers und Touristen, so sind ca. die Hälfte der Menschen dort Weiße. Nach kurzem Aufenthalt im Wasser wird dann aber der Himmel schwarz und es beginnt zu regnen. Wir stehen also unter und nach einer Stunde kehren wir wieder zum Strand zurück.

Am Montag ging’s dann leider auch „schon“ wieder heim. Ich habe die Zeit  in Accra sehr genossen. Endlich habe ich mal etwas anderes von Ghana gesehen als die Gegend um Kumasi und richtig was erlebt =).

In vollem Vertrauen in den Reiseführer gehe ich um 9 Uhr los zur Kaneshie-Station, wo angeblich die Busse nach Kumasi abfahren sollen. Doch dort erfahre ich, dass hier nur die Busse nach Cape Coast, Obuasi,… und nicht die nach Kumasi abfahren. Ich solle zum Circle gehen. Glücklicherweise treffe ich aber jemanden, der auch nach Kumasi geht und mit dem ich dann zum Circle fahre. Er meint dann, dass er immer mit dem Trotro nach Kumasi fahre, da das billiger sei als Bus fahren. Also fahre ich heute also mit einem Reisetrotro von Accra nach Kumasi. Nach 5 Stunden Fahrt, 3 Polizeikontrollen (wegen den Wahlen) und 4 Filmen (einer schlechter wie der andere) komme ich dann relativ erledigt in Kumasi an. Dort erwartet mich an der Trotro-Station Kejetia eine Schlange von ca. 60 Leuten, die alle nach Tanoso/Abuakwa wollen. Also heißt es 2 Stunden warten und um einen Trotro-Platz kämpfen. Zwar stehen die Menschen hier immer in einer Schlange, doch sobald ein Trotro kommt rennen alle los und die Reihenfolge in der Schlange ist nicht mehr von Bedeutung… 😉

Um 20.30 Uhr bin ich dann endlich wohlbehalten aber erledigt daheim in Tanoso.

Gestern war ’election day’ – es wurde der neue Präsident gewählt. Schon seit einigen Wochen befindet sich Ghana im Wahlkampf-Fieber. Jeder hat über die kommenden Wahlen, die verschiedenen Parteien,… geredet.

Die zwei größten Parteien sind NDC (National Democratic Congress) und NPP (New Patriotic Party). Die letzten 4 Jahre war die NDC an der Macht (zuletzt Präsident: John Mahama). Der Großteil der Ashantis (in deren Region ich mich befinde) gibt seine Stimme nun aber der NPP, da diese zum einen die SeniorHighSchools kostenlos machen möchte und zum anderen die Infrastruktur und Ghanas Wirtschaft verbessern möchte („the more intelligent people vote for NPP“). Doch laut meinem Gastvater arbeitet die NDC mit Betrug um Wahlen zu gewinnen, besticht Menschen und sei durch und durch korrupt („die Politiker arbeiten nur für ihren eigenen Vorteil, nicht dafür, dass Ghana voran kommt!“). Leider gäbe es zu viele Menschen in den anderen Regionen Ghanas, die wenn man ihnen 20 Cedi (weniger als 10€) oder einen Sack Reis geben würde, ihre Stimme der NDC geben. Er meinte: „We have to pray a lot that the NPP will win the election!“

Vor zwei Wochen erklärten mir ein paar meiner Schüler den Unterschied zwischen NPP und NDC. John Mahama (NDC) hätte jedem Schüler 10 ’exercise books’ gegeben, Nana Addo (NPP) dagegen jedem nur eines. Welcher sei nun besser als Präsident? Nein, nicht Mahama, es sei Addo, da Mahama nur versuche alle zu bestechen um die Stimmen zu bekommen und danach alle seine Ziele über Bord wirft. Nana Addo dagegen werbe für ’quality and free education’. Ich solle also meine Stimme unbedingt der NPP geben :D. Ich erklärte ihnen dann, dass es mir leider nicht erlaubt sei in Ghana zu wählen, ich aber meine Stimme für ’free education’ geben würde ;-).

Heute ist Samstag und das Ergebnis der Wahlen steht noch nicht fest, da es wohl einige Problem gab und einige Menschen deshalb heute noch wählen müssen, da es gestern nicht funktioniert hat. Ich bin mal gespannt, wann wir wissen, wer der neue Präsident ist Nana Addo (NPP) oder John Mahama (NDC).

So, das waren jetzt die neuesten News aus Ghana 😉

Wünsche euch eine ruhige und besinnliche Adventszeit!

Eure Anja

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